Bei den Lemuren…

Morgens 5:20 Uhr, der Wecker klingelt in der Dunkelheit, Zeit aufzustehen. Langsam wechseln sich die Geräusche der Nacht mit dem Gezwitscher des Morgens ab. Ich klettere aus meinem Zelt und begrüße den Tag. Nach dem Frühstück – gewöhnlich Reis mit einem Stück Omelett oder Gemüse und eine gute Tasse Kaffee – geht der Tag richtig los.

Es ist 6:30 Uhr und wir fahren mit dem Van zum Wald. Unterwegs klettern die Guides und andere Mitarbeiter von MBP (Madagascar Biodiversity Partnership, https://madagascarpartnership.org/) in den Van zu uns – da kann es schon mal richtig eng werden – typisch Madagaskar eben, da wird jedes Eckchen im Vehikel genutzt.

Mein morgendlicher Blick

An unserem Zielort angekommen wandern wir in den Wald und suchen die Lemuren, die wir heute beobachten wollen. Ich bin im Varecia-Team und wir beobachten Varecia variegata, den Schwarzweißen Vari. Einige Individuen tragen ein Radiohalsband und werden regelmäßig beobachtet. Wir folgen den besenderten Tieren zwei stundenlang und notieren ihr Verhalten alle fünf Minuten. Doch bis wir das Tier gefunden haben, das wir zuerst beobachten wollen, kann es schon mal dauern. Je nachdem wo es sich im Wald befindet, brauchen wir 20 – 40 Minuten bis wir es finden. Zuerst folgen wir schmalen Pfaden in den Wald hinein – meist steil bergauf, dann geht es weiter „off-road“ durch das Unterholz.

Dann sind wir da, hoch oben im Baum sind sie – die Schwarzweißen Varis. Es ist unglaublich diese wunderschönen Lemuren in freier Wildbahn – mitten im Wald – sehen und beobachten zu können. Und das Beobachten ist meist beidseitig. Sie sind wahre Artisten wie sie von Baum zu Baum springen! In den Bäumen suchen sie nach Blättern, Früchten und Blüten von denen sie sich als reine Vegetarier ernähren. Besonders beliebt scheint die Blüte der Ravinala – Madagaskars Nationalbaum – zu sein.

Alle 5 Minuten ertönt ein Beep an meiner Armbanduhr und ich notiere das Verhalten. Nach längeren Ruhephasen kommt es dann zu aktiveren Phasen. Oftmals hört man eine Art Grunzen – sie überlegen, was sie als nächstes machen. Und dann geht es los, sie laufen von Ast zu Ast und springen von Baum zu Baum. Jetzt müssen wir schnell sein, die Guides haben immer ein Auge auf die Lemuren und rennen ihnen hinterher durch den Wald. Mitzuhalten ist nicht ohne, die Lemuren haben eindeutig einen Vorteil in den Bäumen, doch die Guides sind super schnell am Boden. Und ich – ich bin anfangs eher hinterher gestolpert… . Doch nach den ersten Wochen konnte ich auch recht schnell durch den Wald rennen – bergauf, bergab, über Stock und Stein, durchs Unterholz und Spinnenweben. Natürlich nicht so schnell und ausdauernd wie die Guides – die gerade bei den sehr steilen und langen Aufstiegen immer wieder auf uns Volunteers gewartet haben und so frisch und ausgeruht auf mich wirkten, während wir ganz schön aus der Puste waren. Es war aber immer ein Erlebnis und es macht so viel Spaß durch den Wald zu jagen und Lemuren zu beobachten!

Oft sehen wir auch andere Lemurenarten im Wald. Am liebsten ist mir Eulemur rufifrons, der Rotstirnmaki. Sie sind so neugierig und aktiv unterwegs. Oftmals kommen sie relativ nah und beobachten uns ganz genau! Ganz nah bin ich Prolemur simus (Große Bambuslemur) gekommen, als ich mit dem anderen Lemuren-Team mitgegangen bin. Der Große Bambuslemur ernährt sich fast ausschließlich von Bambus, wie sein Name schon verrät. Im Vergleich zu einem typischen Tag mit den Schwarzweißen Varis geht es bei den Großen Bambuslemuren eher geruhsam zu. Sie legen nicht so große Distanzen zurück und sind tiefer im Baum unterwegs, sodass man ihnen leichter folgen und sie auch besser beobachten kann.

Mein besonderes Highlight war als wir eine Nacht einem Aye-Aye (Daubentonia madagascariensis) gefolgt sind. Aye-Ayes sind nachtaktiv und sehen sehr kurios aus. Ihr Gebiss erinnert eher an ein Nagetier als an einen Primaten. Mit ihrem langen dünnen knöchernden Mittelfinger klopfen sie rhythmisch den Baumstamm ab, um nach Insekten im Holz zu suchen. Nachdem sie ihre Beute geortet haben, beißen sie mit ihren Vorderzähnen ein Loch in den Baum und angeln sie mit ihrem dünnen Mittelfinger heraus. Ich fand immer, dass Aye-Ayes eher hässlich sind – ihre großen Augen und Ohren, ihr eher lichtes Fell, ihre Zähne und diese verrückten Finger… . Aber als ich sie hier gesehen habe mitten im dunklen Wald, wie sie aus ihrem Nest herausgekommen sind – da war es um mich geschehen! Sie sind einfach wunderschön! Wie konnte ich je denken, dass sie hässlich sind?!

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